Datum:
vom 15.07.-21.07.2023
Autoren:
Sylvia Pludra
Roland Döllinger
Fotos:
Teilnehmer*innen und Tourleiter
Tourleiter:
Lukas Kulma
Matthias Löffler
Tour-Nr.:2023-T-26
Im 17. Und 18. Jahrhundert herrschte auf den Bergpfaden in und um die Schweiz reger Betrieb. Salzhändler, Pilger und Schmuggler waren auf den dafür angelegten Säumerwegen unterwegs. Weil diese Wege für Wagen oder Gespanne zu steil waren, wurden die Güter damals mit Pferden, Eseln, Maultieren oder zu Fuß transportiert. Die Via Valtellina war eine dieser Säumerwege und eine wichtige Handelsroute vom österreichischen Vorarlberg, über die Schweiz, nach Tirano in Italien. Diese Wege, die einst für den Warenaustausch vorgesehen waren, sind heute bestens zum Wandern oder Mountainbiken geeignet. Am 15. Juli machten sich 17 verwegene Neuzeitschmuggler vom DAV Ansbach auf, diese verschlungenen Pfade mit dem Mountainbike zu folgen. Gestartet in Sankt Anton, nahmen wir nicht exakt den Verlauf der damaligen Route. Vielmehr kreuzten wir sie regelmäßig und wandelten sie nach unseren Anforderungen entsprechend ab. Wir bewegten uns dabei in ständigem Auf und Ab, bis auf über 3000 Meter. Aufgeteilt in zwei Gruppen und geführt von Lukas Kulma und Matthias Löffler, konnte man sich entscheiden, ob man sich der sportlichen Variante anschließen wollte, oder mit etwas weniger Adrenalin und Höhenmetern, aber nicht weniger eindrucksvoll, die Tour in einer Alternativroute bestreiten wollte. Start und Tagesziel waren bei beiden Varianten immer identisch. Es versprach interessant zu werden, wie eine Tour mit dieser Teilnehmerzahl funktionieren würde. Wie passt mein Fahrkönnen und Fitnesszustand zur jeweiligen Gruppe? Bereits bei der Vorbesprechung dieser Tour meinten unsere Guides, dass es sicherlich die ein oder andere S-T-S Passage (Schieben-Tragen-Schimpfen) auf dieser Tour geben würde. Und sie sollten recht behalten.
St. Anton am Arlberg – Neue Heilbronner Hütte (Tag 1)22 Km – 1100 Hm – 0 TmAufwärmberg bei 34° GradNach einer langen Phase der Vorfreude und etlichen absolvierten Trainingskilometern im Sattel ging es endlich los. Bei 34° Grad und sonnigem Bergwetter fanden sich alle fünfzehn Teilnehmer*Innen und die beiden Tourguides Lukas und Matthias Samstagmittag auf dem Parkplatz in St. Anton am Arlberg mit gepacktem Rucksack und durchgechecktem MTB ein.Nach einer Begrüßungsrunde rollten wir den ersten Aufwärmberg gemeinsam hinauf. Schon kurz darauf teilte sich der Pulk. Die Clique um Lukas nahm die direkte Auffahrt zur Neuen Heilbronner Hütte unter die Stollen, die muntere Schar um Matthias plante, ein erstes Trailstück einzufügen.Wir verabschiedeten uns von den Variantenradlern, ließen den passenden Gang einrasten und schraubten uns Umdrehung für Umdrehung empor. Auf den ersten Metern konnten wir uns untereinander etwas kennenlernen und prägten uns die Gesichter und auch das Farbschema Trikot, Hose, Bike und Rucksack unserer Mitstreiter*innen ein. Nach wenigen Minuten hatten wir ein Déja-Vu-Erlebnis. Die Variantenradler tauchten hinter uns im imaginären Rückspiegel auf. Grund war eine Sperrung des gewählten Wegstücks. Dies bot uns die Gelegenheit die erste Etappe gemeinsam zu bestreiten. Ein schöner Beginn.
Badespaß auf über 2000 mGemeinsam tauchten wir in die Verwallgruppe ein. Über schotterige Pisten pedalierten wir Höhenmeter für Höhenmeter bergan, unserem ersten Tagesziel, der Neuen Heilbronner Hütte, entgegen. Die Sonne brannte, neben uns gurgelte der Fasulbach und lockte mit seinem frischen Nass. An der Konstanzer Hütte legten wir einen Stopp ein, um die ersten verlorenen Kalorien und ausgeschwitzte Flüssigkeit wieder aufzufüllen. Hier ließe es sich gut aushalten, Liegestühle und ein Wasserbecken, um die Füße zu kühlen, luden zum Verweilen ein. Doch deshalb waren wir nicht hier und so schwangen wir uns wieder in den Sattel.Kurz darauf wandelte sich die Schotterpiste zu einem alpinen Pfad. Erst noch fahrbar, folgte nach der Querung des Stegs eine Schiebepassage auf einem Wandersteig. Wir hatten es nicht anders gewollt. Schwitzend und schnaufend. Nach ca. 22 km und 1100 Hm hatten wir die Neue Heilbronner Hütte schon im Blick. Doch nicht alle Teilnehmer zielten direkt darauf zu. Die Scheidseen luden zu einem Badespaß nach den ersten Anstrengungen ein und so zog eine/r nach der/dem anderen ein paar Runden im kühlen Nass, ehe wir ins Tagesziel auf einer Höhe von 2320 m einrollten.Abends genossen wir das Zusammensein, tauschten unsere ersten Eindrücke untereinander aus und lauschten für ein paar Minuten der Etappenvorstellung unserer beiden Tourenleiter Lukas und Matthias für den folgenden Tag. Anhand dieser Infos entschieden wir Teilnehmer*Innen uns, welchem Streckencharakter wir uns am folgenden Tag anschließen wollten.
Heilbronner Hütte – Scuol (Tag 2)65 Km – 1340 HmSchmuggler mit ReifenpanneDer Abschied von der neuen Heilbronner Hütte fiel schwer. Zu gut hatten wir den Abend und die Nacht dort verbracht. Um 9:00 Uhr, zur Abfahrtszeit, kamen die Wolken vom Tal herauf und vernebelten uns etwas die Sicht. Das war aber nicht weiter schlimm, denn die nächsten 400 Höhenmeter mussten wir nach oben und es hieß die Bikes schieben und tragen. Es ging in Richtung Gaisspitze, um vom dortigen Muttenjoch in Richtung Friedrichshafener Hütte abzufahren. Pünktlich zum Downhill lachte uns die Sonne wieder ins Gesicht. Der wunderbare Trail war im Mittelteil leider nur bedingt fahrbar. Große Felsbrocken und vereinzelte Schneefelder forderten Mann und Material an einigen schwierigen Stellen. Weiter unten ging der Trailspaß wieder weiter und spuckte uns an der schön gelegenen Friedrichshafener Hütte wieder aus. Die Hütte bot bestes Panorama, guten Cappuccino und außergewöhnlichen Kuchen. Nach dieser Stärkung ging es etwa 10 Kilometer weiter abwärts ins Paznauntal und dann weiter in Richtung Ischgl. Von hier aus nahmen wir den Lift, der uns auf 2871 Meter, auf das Flimsjoch brachte und folgten dem Grenzkamm zwischen Österreich und der Schweiz in Richtung Süden. Der bekannte Schmugglertrail, ein flowiges Auf und Ab das aufgrund seiner exponierten Kammlage jedoch keine Unachtsamkeit erlaubte. Das Panorama auf über 2500 Metern war einfach atemberaubend und der handtuchbreite Trail forderte alle Konzentration. Am Salaaser Kopf bogen wir dann in Richtung Süden ab und folgten einem angelegten Trail, der sich wie eine Murmelbahn nach unten schlängelte. Die gleichnamigen putzigen Tierchen immer als distanzierte Beobachter, deren warnendes Pfeifen wir auf der ganze Passage vernehmen konnten. Unser „Flow“ wurde etwas später durch eine Reifenpanne von Andreas abrupt gestoppt und so kam das mitgeschleppte Werkzeug zum Einsatz. Leider musste der Ersatzschlauch gleich mehrmals ausgetauscht werden, da dieser beim Aufziehen des Mantels wieder beschädigt wurde. Gut, wenn man genügend Ersatzteile mit sich führt. Aber nun hieß es sputen, denn die Reparatur hatte viel Zeit gekostet und wir hatten noch eine lange Wegstrecke zu bewältigen. Die Abfahrt in Richtung Westen weiterführend, trafen wir dann auf den Fimberbach, an dessen Ufer sich der Zubringer zum Fimberpass entlang schlängelt. Dieser war bis zur Heidelberger Hütte auf einer Schotterstraße gut fahrbar. Ab hier ging es auf einem Wanderweg erst flach, später steil nach oben und so hieß es die Bikes die nächsten 350 Höhenmeter schieben oder tragen. In Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit und des bereits absolvierten Pensums, war das für einige Teilnehmer eine dieser STS Stellen („Schieben-Tragen-Schimpfen“). Endlich am Fimberpass, auf 2600 Meter angekommen, trafen wir auf unsere Cappuccino- Gruppe und so gönnten wir uns dann gemeinsam eine längere Pause, bevor es an die anspruchsvolle Abfahrt ging. Der obere Teil des durch die Albrech MTB Route bekannten Übergangs, war teils verblockt und steil und forderte nicht zuletzt wegen der losen Steine und des Gerölls viel Konzentration und Technik. Weiter unten war der Trail dann etwas flüssiger zu befahren, ohne dass man mit der Aufmerksamkeit nachlassen durfte. An der Griosch-Alm kehrten wir dann ein und mussten feststellen, dass es doch einige Stürze gegeben hatte. Kaputte Radhosen, diverse Schürfwunden und kleine Defekte an den Bikes zeugten von der vorangegangenen schwierigen Abfahrt. Der Stop an der Griosch-Alm bot so die Möglichkeit, die Wunden zu lecken und die defekten Bikes zu reparieren. Bis nach Scuol, dem Etappenziel des 2. Tages, waren es noch 16 Kilometer auf flowigen Singetrails und schmalen Hängebrücken, bevor wir dort nach 18:00 Uhr in der gebuchten Jugendherberge eintrafen. Reichlich spät, und so mussten wir uns beeilen, um noch vor Küchenschließung um 19 Uhr, etwas zu essen zu bekommen. Unsere Räder konnten wir im dafür vorgesehenen Bikekeller der Jugendherberge einschließen. Der Tacho zeigte am Ende des Tages 65 Kilometer Strecke und 2840 Höhenmeter an. In etwa 1500 Höhenmeter davon waren wir mit dem Lift in Ischgl hochgefahren. Die laue Sommernacht ließ uns nach dem Abendessen noch lange draußen sitzen. Ein langer Tag mit allem Facetten des Mountainbike Sports ging für uns zu Ende. So konnte es gerne weitergehen.
Scuol – St. Maria (Tag 3)36,6 Km – 1000 Hm – 340 TmWeiter mit dem LeihbikeNach den Defekten am Vortag suchten zwei von uns zusammen mit unserem Guide Lukas eine Fahrradwerkstatt in Scuol auf. Während die hydraulische Sattelstütze im Nu repariert werden konnte, und das Bike somit wieder fahrbereit war, gab es für das kaputte Schaltwerk leider keine schnelle Hilfe. Markus entschied sich, die Tour mit einem Leihbike weiter zu fahren. Sein Bruder und er folgten uns nach S-Charl nach, sobald alles geregelt war. Sein Bike würden wir auf dem Heimweg von Colico mit dem Shuttle wieder einladen. Wir verließen Scuol, oder zu deutsch Schuls, über die schöne Gurlainabrücke, die uns über den Inn führte. Auf der anderen Flussseite tauchten wir alsbald in den Wald ein und wir bezwangen die ersten 600 Hm des Tages im Schatten der Bäume. Erst auf Asphalt, später auf einer geschotterten Straße, führte uns der Weg hinauf nach S-Charl.Auf beschaulichen Alp- und Passwegen ging es nach einer kurzen Pause gleichmäßig durch den höchstgelegenen Arvenwald Europas und an der Alp Astras vorbei bis zum Pass da Costainas (auf 2251 m ü. M.). Die Berglandschaft um uns herum: einfach traumhaft. Wir nutzten den kurzen Stopp am Pass und genossen die Aussicht. Hier trennten sich unsere Wege. Lukas und sein Gefolge hatte Spaß daran, die Bikes zum Fuorcala Sassalba 2619m hoch zu stoßen (schieben), wir konnten mit unserem Guide Matthias die Räder endlich laufen lassen und hatten auch unseren Spaß. Erst ein flowiger Trail, später ein Sträßchen mit mitunter tiefem Schotter brachte uns schlussendlich über weite Almwiesen zum Alprestaurant La Posa, wo wir uns u.a. den selbstgemachten Käse aus der Region und Rivella schmecken ließen. Eine verspätete Mittagspause für die einen, Nachmittagskaffee für die anderen.
Das Beste kommt zum SchlussNoch hatten wir unseren Endpunkt nicht erreicht, aber bei dem, was nun kam, war das auch nicht weiter schlimm. Es folgten weitere Tiefenmeter auf erstklassigem Trail durch das Val Müstair. Alle Anstrengungen des bisherigen Tages wurden mit jeder Kurve kleiner, das Gemüt saugte die Glückshormone förmlich auf. Jede und jeder war nun wieder wach und voll guter Stimmung erreichten wir unser heutiges Tagesziel Santa Maria. Damit nicht genug. Das Leuchten in unseren Augen wurde noch etwas größer, als wir unsere wunderschöne und liebevoll eingerichtete Unterkunft für diese Nacht erreichten. Limoncello-Spritz und kühles Radler schmeckten unter Apfelbäumen und Lampions noch frischer als ohnehin schon.
St. Maria – Livigno (Tag 4)50 Km – 1470 Hm – davon 530 Hm tragen und schieben zum Piz UmbrailSchwebende Räder und fliegende KüheAm Dienstag stand die Königsetappe der Tour an. Es ging auf über 3000 Meter zum Piz Umbrail. Der Bikeshuttle zum Umbrailpass war für 8 Uhr bestellt. Entsprechend früh mussten wir frühstücken. Es war wichtig, genügend Kohlehydrate zu sich zu nehmen, denn der anstehende Tag drohte, sehr lange und kräftezehrend zu werden. Pünktlich zur vereinbarten Zeit trafen die beiden Kleinbusse mit Hänger ein. Eine perfekte Konstruktion der Radanhänger erlaibte es uns, die Räder mit wenigen Handgriffen transportsicher verladen. Immerhin mussten insgesamt 17 Mountainbikes samt Fahrer/in verstaut werden. Die erfahrenen Bike-Taxifahrer brachten uns in weniger als 45 Minuten von Santa Maria zum Startpunkt des heutigen Tages, dem Umbrailpass. Dieser Pass ist nebenbei auch die höchst gelegene Schweizer Bushaltestelle. Hier auf ziemlich genau 2500 Höhenmetern merkte man schon die dünnere Luft und erahnte den hochalpinen Charakter der heutigen Tour.530 Höhenmeter zu FußDer Aufstieg zum Piz Umbrail auf 3033 Meter erwies sich als harter Brocken. An Radfahren war bei den anstehenden 530 Höhenmetern nicht zu denken. Zu steil und zu verblockt war der Wanderweg auf den Gipfel. Auch Schieben erwies sich bei zunehmendem Fortkommen in Richtung Gipfelkreuz als ungeeignet. So mussten die Bikes über steile Gröllfelder und seilgesichert Kletterpassagen geschultert werden. Als Belohnung dann der fantastische Rundblick am Gipfelkreuz des Piz Umbrail. Bei wolkenlosem Himmel scheint König Ortler im Südosten mit seinem weiß-grau schillerndem Gletscher, zum Greifen nah. Der smaragdgrüne Lago di Rims, der als einer der schönsten Bergseen der Schweiz gilt, liegt nördlich unter uns. Er wirkt fast kitschig und will mit seiner schillernden Farbe gar nicht so recht ins karge Landschaftsbild passen. Die Nordflanke des Piz Umbrail, über die wir uns mit unseren Bikes in Richtung Tal stürzen sollten, wirkt eher wie eine Mondlandschaft als ein Hochgebirgspass. Etwas länger als geplant berauschten wir uns an dem Panorama, bevor wir uns für den verdienten Downhill startklar machten. Die Knieschoner an, die Sattelstützen herunter und die Dämpfer auf, und der Tanz mit Gelände und Schwerkraft konnte beginnen. Die anspruchsvolle Abfahrt hinab ins nordwestliche Val Mora Tal wurde immer wieder von Fotopausen unterbrochen. Das Bad im Lago di Rims ließen wir einstimmig – ob der einstelligen Wassertemperaturen – ausfallen und landeten nach knapp 7 Kilometern fantastischer Single-Trail-Abfahrt im Val Mora Tal. Die kniffligen und teils ausgesetzten Spitzkehren im letzten Teil des Trails kosteten Mut und Überwindung, wurden aber von allen Trailenthusiasten perfekt gemeistert.
Fliegende KüheIm wunderschönen Val-Mora-Hochtal machten wir nach 10 Kilometern der Alpe Mora Station und wurden Zeuge einer „fliegenden Kuh“. Diese wurde nach einer Verletzung am Berg per Hubscharuber, 30 Meter darunter hängend, zu Tal geflogen, so sagte uns die Wirtin auf der Alpe. Die umliegenden Berge boten ein fantastisches Panorama. Hätten wir es nicht besser gewusst, so hätten wir nach Winnetou und Old Shatterhand Ausschau gehalten. Gestärkt durch Hüttenkäse, Speck und Brot nahmen wir die letzten 20 welligen Kilometer des Tages in Angriff. Den Lago di Cancano links liegen lassend, ging es auf direktem Weg zum Lago di Livigno und zum gleichnamigen Ort, wo unser Hotel gebucht war.Und die Augen leuchten noch beim Abendessen. Tacho und Altimeter zeigten am Ende 50 Kilometer Strecke und etwa 1500 Höhenmeter – den Bike-Shuttle am Morgen nicht mitgerechnet. Die fantastischen Panoramen, Trails und Erlebnisse des Tages waren in unsere Kurzzeitgedächtnisse eingebrannt und wir ließen diese beim Abendessen im Hotel noch einmal gemeinsam Revue passieren.
Livigno – Tirano (Tag 5)58 Km – 1250 Hm – 1900 TmGewitterregen mit Hagelschauer peitscht uns über den BergDer vorletzte Biketag würde bereits unser letzter Tag im hochalpinen Gelände sein. Vielleicht war diese Etappe deshalb noch einmal voller Abwechslung und nachhaltiger Eindrücke. Von Livigno aus führte uns die ersten Kilometer ein toller Pfad am Hang entlang. Nach anfänglichem Lichtblicken in Form von Sonnenstrahlen zog sich der Himmel jedoch immer mehr zu, es begann leicht zu tröpfeln. Zu lange trödeln wollten wir nicht, der erste Pass musste erklommen werden. Wir entschieden uns dennoch, die Regenklamotten anzuziehen.Kurz vor der Auffahrt zum Passo della Forcola, welcher uns von Italien wieder in die Schweiz entlassen sollte, entluden sich die Wolken über uns mit Wumms und Getöse. Der Regen peitschte uns den Berg empor, kleine Hagelkörnchen haben uns zusätzlich angefeuert. Hier und da ein Blitz – flitz.Kurz vor dem letzten steilen Anstieg, blauer Himmel, Sonnenschein. War was? Das Gewitter hatte sich schneller verzogen, als wir bis drei zählen konnten. Oben blieb kurz Zeit, sich der nassen Sachen zu entledigen und sie zum Trocknen aufzuhängen. Mir kam dabei der Refrain des Liedes „Wäsche“ von der Musikgruppe Kofelgschroa in den Sinn. Wohltuende Worte, wenn kurz zuvor das Wasser von oben in die Schuhe lief.
Ein Defekt ist nicht genugLeider verloren wir durch die Stopps, um Regensachen an- und auszuziehen, Zeit, sodass Lukas am Pass beschloss, dass ein Teil der Gruppe den direkten Weg zur Mittagspause am Lago Bianco einschlagen sollte. Philip, Lewin und ich blieben nach kurzem Briefing durch Lukas auf der ursprünglich geplanten Route und nahmen den Singletrail vom Forcola di Livigno zum Lago Bianco in Angriff.Immer wieder mussten wir schieben, nicht alles war fahrbar. Der Blick auf die umliegenden Gipfel hinterließ eindrucksvolle Bilder im Kopf. Vor uns befinden sich unter anderem der Piz Bernina (höchster Berg der Ostalpen mit 4.048 m) und der Piz Palü (3.899 m) mit ihren faszinierenden Gletschern. Diese Aussicht sollte uns nun länger erhalten bleiben als urspünglich von uns angedacht. Schon nach den ersten beiden Tiefenmetern, ereilte uns ein weiterer Defekt. Wieder war es das Schaltauge, wieder konnten wir nicht wirklich ausmachen, was die Ursache hierfür gewesen sein sollte. Dieses Mal traf es Lewins Bike.Wir hatten jedoch Glück im Unglück. Philipp hatte das nötige Werkzeug parat, Lewin die Ersatzteile, ein vorbeihuschender „mecchanico“ half uns mit seinem Fachwissen, die letzte Schraube zu lösen und wir waren kurz darauf wieder on the road. Learning by doing unter Zeitdruck. Lukas war mittlerweile unterrichtet, dass wir uns verspäten würden. Unser Mittagessen mussten wir drei leider ausfallen lassen. Am Lago Bianco, einem Stausee am Bernina-Pass, waren wir wieder mit unserer Gruppe vereint.Ein Highlight jagt das nächsteWir folgten nun der berühmten Panoramastrecke der Räthischen Bahn, welche zum UNESCO Welterbe gehört. Gleich zu Beginn trafen wir auf eine auffällige „Gruppe“. Es waren Säumer mit ihren Eseln, Maultieren und Pferden, welche auf Wanderschaft waren und einen Tag nach uns Tirano erreichen sollten. Säumer, ein Jahrhunderte alter und nun weitestgehend vergessener Beruf. Säumer transportierten Waren u.a. auf der Via Valtellina von Nord nach Süd und umgekehrt. Dem Vergessen möchte der Förderverein Sbrinz-Route und die Säumer & Train Vereinigung Unterwalden entgegen wirken und bietet Säumertrekking auf diesen historischen Routen an. Wir schmuggelten uns vorsichtig an der freundlichen Menge vorbei und erreichten den Ospizio Bernina mit einem atemberaubenden Ausbick auf den Gletscher Moteratsch. Wir sahen, wie die Wassermassen des Gletschers den Berg herabstürzten. Wer weiß, wie lange noch?Die Gleise am Bahnhof überquerten wir und tauchten in den technisch anspruchsvollen Trail 637, S2 zwischendurch S3, ein. Bald rüttelte es im Fahrwerk, schüttelte es im Kopf, zwischendurch wurde es ruppig. Gefühlt eine halbe Stunde lang wanden wir uns um Kehre und Spitzkehre, blockerten über Steine und Geröll, kreuzten immer wieder die Gleise der Rätischen Panroama-Bahn, winkten den bahnfahrenden Reisenden zu, um kurz darauf die nächsten Steilstücke hinabzusausen. Wir fuhren wie im Rausch. Nur der Trail, das Bikefeeling und die Ideallinie hatten noch Platz im Kopf, im Hier und Jetzt. Kurze Stopps waren nötig um die Hände kurz auszuschütteln. Das Tolle an diesem Erlebnis? Wir meisterten diesen Spaß alle zusammen!Als wir allmählich am Ende unserer physischen und psychischen Kräfte waren, begann es wieder zu regnen. Erst tröpfelte es nur leicht, wurde dann stärker, sodass wir im unteren Teil beschlossen, aus diesem Traum vorzeitig auszusteigen, bevor es ein Alptraum werden konnte. Bis wir uns alle wieder versammelt hatten, lief das Wasser bereits neben uns herab und machte den Untergrund immer glitschiger. Wir ließen uns vorsichtig die letzten Meter runterspülen und bogen auf die asphaltierte Straße Richtung Poschiavo ein.Flucht vor GewitterKurz vor Poschiavo kam es an der Bahnschranke, an der wir aufgrund des sehr langsam vorbeischleichenden Bernina-Express warten mussten, zum Zusammenschluss mit der anderen Gruppe, welche hinter uns aus dem Wald auftauchte. Zusammen rollten wir die letzten Kilometer nach Tirano auf schönen, ebenen Wegen, unter anderem vorbei am türkisblauen Lago di Poschiavo mit seinen Felsformationen direkt am Wasser. Allerdings mussten wir uns sputen. Es war ein rechtes Katz- und Mausspiel mit den uns folgenden Gewitterwolken, denen wir ein ums andere Mal davoneilten. Kurz vor Tirano konnte man sich nochmals entscheiden, ein paar Trails anzuhängen oder direkt in den Glutofen Tirano zu rollen. Kaum war das Ortschild erreicht, sehnten wir uns zurück in die Höhe, wo die Temperaturen erträglicher waren. Erst als wir am Hotel im Stadztentrum ankamen, ein Eis in der Hand hielten und danach die Zimmer bezogen, entlud sich das Gewitter. Geschafft, alle Bikes waren im Trockenen.
Tirano – Colico am Comer See (Tag 6)85 Km – 1000 Hm – wenige TmAusrollen bei 18 Prozent – In Worten: Achtzehn Prozent!Heute war Ausrollen angesagt. Von Tirano ging es auf Radwegen geradewegs nach Colico am Comer See, der Endstation unserer Tour. Die ganz Verwegenen wollten auch am letzten Tourtag nicht auf einen richtigen Trail verzichten. Deshalb baute Lukas kurz vor dem Ziel am Comer See für sie noch den „La Piazza Trail“ ein. Und dieser Trail hatte es in sich. Mit Steigungen bis 18 Prozent musste man sich den Einstieg zur Abfahrt hart erarbeiten. Die Nachmittagssonne tat ihr übriges dazu, dass der letzte Tourtag in Erinnerung bleiben sollte. Knapp 1000 Meter hochgeschraubt, ging so manchem Teilnehmer etwas die Puste aus. Zu hart und fordernd waren die letzten Tourentage. Die Abfahrt entschädigte für die vorangegangene Mühe. Der von den Locals viel befahrene Trail war dann eher in der Enduro-Klasse angesiedelt und mit unseren Trail-Bikes inklusive Rucksack fast grenzwertig. Wie in dieser Gegend üblich, war der Trail sehr geröllig und man musste die Bremsen und Fahrlinien mit Bedacht wählen. Vorbei an Häusern über Wiesen ging es in den Wald. In endlosen Links- und Rechtsschleifen vernichteten wir die Höhenmeter. Der Streckenverlauf war durch die rege Nutzung gut zu erkennen. Immer wieder mussten knifflige Passagen über, und zwischen Felsbrocken hindurch, gemeistert werden, bevor es wieder mit mehr Tempo weiter gehen konnte. Teils steil über Felsstufen nach unten, teils scharf an der Hangkante entlang trafen wir viele hundert Tiefenmeter später auf das Bergdörfchen Dubino, von wo aus wir uns nach kurzer Verschnaufpause auf den Weg an das Ufer des Comer See machten.Pressetermin am SeeuferDort angekommen trafen wir auf unsere „Cappuccino-Gruppe“, die schon sehnsüchtig auf uns wartete, um die Tour mit dem gemeinsamen Bad im See zu beschließen. Gesagt, getan, Radklamotten ausgezogen und bei über 30 Grad – nur in Unterwäsche – in den See gesprungen. Herrlich. Im Nu waren die Strapazen des Tages wie abgewaschen und es überwog die Freude der gemeinsamen Ankunft. Wenig später machten sich Sylvia, Lukas, Stefan und Roland auf, um das verabredete Interview mit der Fränkischen Landeszeitung am Telefon abzuhalten. Dazu waren vier euphorisierte Mountainbiker*Innen sicherlich bestens geeignet. Um 17 Uhr machten wir uns dann auf, zu unserem letzten Hotel in Colico. Das waren vom Strand am Comer See nur 10 Minuten Fahrzeit mit dem Rad. Am letzten Abend haben wir dann nach dem Essen am Hafen von Colico noch etwas gefeiert, bevor es am nächsten Tag mit dem Bikeshuttle nach Sankt Anton, und von dort mit dem DAV Bus zurück in die Heimat gehen sollte.
FAZIT:In sechs Tagen mit dem Mountainbike von Österreich durch die Schweiz nach Italien. Ein eindrucksvolles Abenteuer mit vielen Höhepunkten und Erlebnissen. Es ist sicher nicht einfach, eine solche fantastische Tour in zwei unterschiedlichen Varianten auszuarbeiten. Chapeau – an Lukas und Matthias, das ist perfekt gelungen. Obwohl sich viele Teilnehmer*Innen vorher nicht kannten, hat sich innerhalb diese Woche in den Bergen, auch über die beiden Gruppen hinaus, eine wunderbare Gemeinschaft gebildet. Die Geschichte der Säumer machte es uns vor, wie man mit Gleichgesinnten, auch unter schwierigen hochalpinen Bedingungen, gemeinsam Ziele erreichen kann. Wahrscheinlich habe wir uns alle davon inspirieren lassen. Statt Esel, Muli und Pferd hatten wir halt unsere Mountainbikes als Transportmittel mit dabei. Säumen im 21. Jahrhundert eben.