Datum:
09.-12.09.2022
Autor: Roland Döllinger
Tour-Nr.:2022-T-26
König Ludwig der 2. – faszinierend und doch ein ewiges Rätsel. Der Mythos des bayrischen Märchenkönigs bildete sich schon zu dessen Lebzeiten. Insgesamt zwölf Berghütten zwischen Lech und Isar nannte er sein Eigen. Das von ihm im Jahre 1865 erbaute Königshaus am Herzogstand, das von seinem Vater gegründete Pürschlinghaus und das exponiert gelegene Schachenhaus steckten den Rahmen für unsere Bayern-Mountainbike-Tour des DAV Ansbach im Jahr 2022.
Getreu nach dem Motto: „Warum in die Ferne schweifen….“ machten wir sieben Mountainbiker uns auf den Weg, die Gegend des bayrischen Märchenkönigs unter die Stollenreifen zu nehmen. Und eines gleich vorweg: Es war eine wunderbare Mountainbike- Tour! Steile lange Auffahrten, anspruchsvolle Trails und Übernachtungen auf urigen Berghütten. Wir haben alles mitgenommen. Einfache und anspruchsvolle Single-Trails, Sprünge, Sonne, Dauerregen, Stürze, platte Reifen, Kettenrisse, verpasste Abzweigungen und Fleischwunden.
Harte Einstiegsprüfung am ersten Tag
Die Zugfahrt am Freitag von Ansbach nach Murnau war mit drei Umstiegen und Radmitnahme problemlos. Auch die Rückfahrt am Montag schafften wir, trotz Zugausfall in München Pasing, wie geplant. Murnau begrüßte uns am ersten Tag mit Regen und so starteten wir gleich in entsprechender Kleidung, welche uns in den nächsten Tagen ein treuer Begleiter werden sollte. Staffelsee und Kochelsee rechts und links liegen lassend, machten wir uns auf indirektem Weg in Richtung Herzogstand, unserem ersten Etappenziel. Auf dem letzten Anstieg dorthin mussten wir noch 700 Höhenmeter am Stück überwinden, welche sich, mit Steigungen an die 20 %, als harte Einstiegsprüfung entpuppte. Trotz der widrigen Bedingungen kamen wir alle oben auf der Hütte an. Neben uns sieben Bikern waren nur noch acht weitere Gäste zur Übernachtung gebucht. Der Hüttenwirt erklärte mir, dass er wegen des schlechten Wetters um die 20 Absagen hatte, wie halt so oft, meinte er. Trotzdem feierten wir unseren ersten gemeinsamen Tourenabend auf der Hütte in kleiner Runde und der letzte Hüttenschnaps vom Wirt zu später Stunde schickte uns alle in die Betten.
Mit Mitte 50 lag ich im oberen Bereich der Altersspanne. Gesamt umfasste unsere Gruppe in etwa einen Altersunterschied von 25 Jahren. Die Gesprächsthemen an den Abenden waren entsprechend weit gefasst und jeder konnte mit Geschichten, Anekdoten und Erfahrungen aufwarten und zu einem unterhaltsamen Hüttenabend beitragen. Konditionell oder technisch hatten wir unterschiedliche Level. Aber das spielte auf dieser Tour keine große Rolle, denn das gemeinsame Erlebnis stand hier im Vordergrund.
Der nächste Morgen, das gleich Bild: Regen. Wieder eingepackt in die vertrauten Regensachen folgten wir nicht wie ursprünglich geplant dem Trail, sondern nahmen die Schotterstraße ins Tal, um unnötige Stürze zu vermeiden.
Am Walchensee angekommen, ging es am Südende rechts über die Eschenlaine nach Eschenlohe, auf einem schön fahrbaren Höhenweg nach Oberau und weiter nach Oberammergau, welches in diesem Jahr seine Passionsspiele mit zweijähriger Verspätung abhält.
Entsprechend frequentiert war der Ort und wir fanden nur schwerlich einen trockenen Rastplatz. Nach einer ausgiebigen Stärkung fuhren wir, von der Sonne beschienen, weiter nach Unterammergau und anschließend hinauf zu unserem zweiten Übernachtungsquartier, dem August-Schuster-Haus auf dem Pürschling.
Hüttenschlafsäcke müssen in die Mikrowelle
Die knapp 700 Meter lange Schussetappe zur Hütte erwies sich abermals als zähe Steigung und forderte die letzten Reserven, wollte man im Sattel bleiben. Das Etappenbier auf der beschienenen Sonnenterrasse im Anschluss machte die Qualen dann aber schnell vergessen. Diese DAV-Hütte war ziemlich ausgebucht und wir nächtigten zu siebt in einem Matratzenlager für acht Personen. Unsere Rücksäcke mussten derweil im Trockenraum verbleiben und die Hüttenschlafsäcke wegen Bettwanzengefahr in einer Mikrowelle desinfiziert werden. Bis zur Bettruhe um 22 Uhr hatte wir alle gut gegessen und unseren Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen. Die meisten von uns haben, ob des Tages Pensum, von der stattfindenden Geburtstagparty der jungen Mädels im Nebenzimmer schon nichts mehr mitbekommen.
Verhängnisvolle Holzbrücke und anstrengende Schlussetappe
Bei nur leichtem Nieselregen starteten wir vom August-Schuster-Haus unsere dritte Etappe, bei der wir uns nach den ersten 20 Kilometern geplant aufteilten. Die rutschige Holzbrücke dorthin wurde zwei Fahrern unserer Gruppe dann zum Verhängnis. Den Gripp am Vorderreifen durch die spiegelglatten Bohlen verloren, zwang der vorausfahrende Biker den Nachfahrenden mit auf die Bretter. Wegen einer kleinen Risswunde vom Pedal mussten wir eine Verbandspause einlegen – aber das Wichtigste: die Bikes waren unversehrt. Fachmännisch verarztete Lukas die Wunde und die Fahrt konnte etwas später weitergehen.
Nach der Trennung nahm eine Gruppe den Anstieg zur Enningalm, oberhalb von Farchant, um gegenüber in Richtung Loisach den Trail zu nehmen.
Die andere Gruppe kurbelte auf den Schafkopf, um den gleichnamigen Trail zu meistern. Im oberen Teil erwies sich dieser für die meisten von uns nur als bedingt fahrbar. Die zweite Hälfte der Strecke war dann schon mehr nach unserem Geschmack und konnte von allen trotz regennasser Fahrbahn gut bewältigt werden. Beide Teams haben sich Stunden später an der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen wieder vereint, um das letzte Teilstück, hoch zur Reintalangerhütte, in Angriff zu nehmen. Und das hatte es in sich. Gleich zu Anfang wurde die 20%-Steigung mehrmals durchbrochen und es gab wenige Möglichkeiten sich zu erholen. Zuerst noch auf Teer, später auf Schotter und ab dann als eine Art Karrenweg mit losen Steinen forderte die Auffahrt Kondition, Fahrgeschick und Stehvermögen, um die letzte 16 Kilometer lange Schlussetappe zu meistern. Letztendlich waren wir alle mehr oder weniger ausgelaugt auf der Reintalanger-DAV-Hütte angekommen. Das war ein echter Härtetest! Die Preise auf der gut gebuchten Hütte waren so stolz wie die Lage. Wir sieben Biker bekamen Plätze auf dem oberen Stockwerk im Schlaflager, das wir uns mit 20 anderen Schlafgästen teilten. Durch die beengte Situation mussten wir uns wechselweise Kopf-zu-Fuß legen, um nicht ungewollt im Schlaf die Nasenspitze des Nachbarn zu berühren. Ein Fenster im Schlafraum als Frischluftzufuhr musste reichen. Durch den anstrengenden Tag der hinter uns lag, fand aber jeder schnell seinen Schlaf.
33 % Steigung – Lukas zeigt uns wie es geht!
Nach ausgiebigem Frühstück fuhren wir den tags zuvor aufgefahrenen Karrenweg wieder ins Tal. In diese Richtung war das deutlich angenehmer. Diesmal hatten wir die Sonne den ganzen Tag als Begleiter. Bei der Abfahrt in Richtung Garmisch war eine Kette gerissen (!!), welche tags zuvor noch extremen Anstiegen standgehalten hatte.
Nach nur wenigen Minuten war auch dieser Defekt behoben. Gut, wenn man mit entsprechenden Ersatzteilen vorgesorgt hatte. Auf dem Weg in Richtung Bahn nach Murnau nahmen wir noch den bekannten Wank-Trail mit. Gedacht als kleines Zuckerl für den letzten Tag ging es mit teils aberwitzigen 33% Prozent Steigung hinauf zum Trail-Einstieg. Diese Passage war fast schon zum Schieben zu steil. Unser Guide Lukas zeigte uns dann aber, wie so etwas mit dem Mountainbike zu fahren ist – Wahnsinn! Er ließ uns staunend und ungläubig zurück und wir stemmten unsere Bikes kopfschüttelnd weiter nach oben. Der Wank-Trail war durch die vorausgegangenen Regentage in der oberen Hälfte sehr anspruchsvoll geworden. Etwas weiter unten machte er dagegen Spaß und entlockte uns ein breites Grinsen.
Ohne Sturz und bei strahlendem Sonnenschein kamen wir alle heil unten in Partenkirchen an. Nach einer kurzen Rast in Farchant machten wir uns auf dem Loisach-Radweg auf in Richtung Murnau. Wir hatten vorher etwas getrödelt und um den Zug um 15.30 in Murnau zu erreichen, mussten wir Gas geben. Und das taten wir dann auch als „Verband“ von sieben Mountainbikern, schossen hintereinander in Richtung Murnau und kamen um 15:20 Uhr dort an. Tickets gekauft und mit den Bikes in den Zug eingestiegen, ging es dann auf dem bekannten Weg wieder nach Ansbach zurück.
Am Ende der Tour standen über 200 Kilometer Strecke und 5000 Höhenmeter auf dem Tacho. Obwohl wir nur vier Tage gemeinsam unterwegs waren, fühlte es sich am Ende an, als hätten wir mehr als eine Woche gemeinsam verbracht. An- und Rückreise mit der Bahn waren trotz Radmitnahme gut möglich. Lukas Kulma – unser Guide – war wie üblich sehr umsichtig und fand der Witterung entsprechende Alternativrouten. Er gab die Zügel frei, wenn es möglich war und wies uns zurecht, wenn wir wieder nur Blödsinn im Kopf hatten. Aus meiner Sicht perfekt. Ich selbst habe auch wieder viel auf der Tour gelernt. Dass man zum Beispiel im Zeitalter von Instagram nur Hochkant fotografiert, dass ich eigentlich ein Flexiganer bin, dass man Radketten jetzt aus Umweltgründen wachst und nicht mehr ölt und dass Espresso-Beziehungen eine deutlich längere Laufzeit haben.
Das König-Ludwig-Land – ein Paradies zum Mountainbiken
Während unserer Bayern-Tour begegneten wir vielfach den Relikten der königlichen Zeit. In Murnau und in Garmisch befand sich jeweils ein Ludwig-Denkmal, am Herzogstand stand eine 1,5 m große Büste von König Ludwig II, in Oberammergau war die Kreuzigungsgruppe, ein Geschenk König Ludwigs II., nach seinem Besuch der Passionsspiele. Und auf dem August-Schuster-Haus wurde der „Kaiserliche Schmarrn“ bewusst verweigert, weil es sich um eine königliche Jagdhütte handelte. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ludwig II. die Berge damals genauso liebte, wie wir es heute tun. Er schrieb einst: „Es ist notwendig, sich Paradiese zu schaffen, poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann“. Ich fand genau dies in den vier Tagen unserer Tour. Danke neben Lukas auch an Andreas, Richard, Michael, Felix und Philipp für die angenehme Gesellschaft und die schöne Zeit im König-Ludwig-Land.