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Majestätische Viertausender im Wallis - Hochtour auf den Dom 4.545 m via Festigrat

05.08.2018 - 07.08.2018
Autor: Stefan Diezinger
Tour-Nr.: 2018-05-54

Zwei Jahre ist es her, als wir mit Matthias unsere erste Viertausender-Expedition ins Wallis unternahmen. Vom Nadelhorn kehrten wir zwar ohne Gipfelerfolg, aber mit lehrreichen Erfahrungen und verantwortungsvollen Entscheidungen zurück nach Ansbach – mit dem festen Vorsatz: „wir kommen wieder“! Zwei Jahre später war die Zeit gekommen, den Traum vom Walliser Viertausender zu erfüllen. Ziel war nun aber nicht mehr das Nadelhorn, sondern sein höherer und größerer Nachbar. Mit 4.545 Metern Höhe ist der Dom der höchste Gipfel, der komplett auf Schweizer Boden steht. Und weil der Normalweg ein langer, aber doch wenig spannender Gletscherhatsch ist, hatte sich Matthias den deutlich eindrucks- und anspruchsvolleren Festigrat für die Besteigung ausgesucht. Wird der Traum vom Viertausender diesmal in Erfüllung gehen?

Jede noch so eindrucksvolle Bergtour unserer Sektion beginnt erst einmal ganz unspektakulär im nächtlichen Ansbach, wo sich am frühen Sonntagmorgen neben Matthias und Co-Guide Conny sechs mehr oder weniger ausgeschlafene Viertausender-Aspiranten samt Expeditionsgepäck in den altgedienten Sektions-Sprinter setzen. Neben der Aussicht auf den höchsten Schweizer Gipfel motiviert die meisten zusätzlich die Aussicht, der mittelfränkischen Hitzewelle für ein paar Tage zu entfliehen. Die Hochtourenverhältnisse gelten als ideal, die Wettervorhersage ist auch gut, und so starten wir hoffnungsfroh auf den langen Weg ins Wallis. Pünktlich zum Sonnenaufgang parkt Matthias nach einer fahrerischen Meisterleistung den Sprinter auf dem Furkapass, wo uns bereits das Weisshorn entgegenleuchtet. Mit diesem finalen Motivationsschub schafft unser Sprinter auf seine alten Tage auch noch die Abfahrt vom Pass und die letzten Kilometer nach Randa im sonnen- und touristenüberströmten Mattertal.

Staubiger Hüttenweg im Banne des Horu

Wirklich kühler ist es auf 1400 Metern kurz vor Zermatt auch nicht, die Sonne brennt hochsommerlich auf uns nieder. Vor uns liegen 1.500 steile und schweißtreibende Höhenmeter bis zur Domhütte – ein typisch schweizerischer Hüttenzustieg eben. Schon auf den ersten Metern im Dorf geht es steil zur Sache, die Sonne und der Hochtourenrucksack lassen uns bereits jetzt den Schweiß auf der Stirn stehen – wir fühlen uns ganz wie daheim. Denn wir haben nicht nur die Hitze mit ins Wallis gebracht, sondern auch die mittelfränkische Dürre. Was auch kein Wunder ist – die hohen Viertausender fangen allen Regen ab, im Tal kommt nichts an. Ohne Beregnung würde auf den Walliser Hängen wenig wachsen. Und so stauben wir uns an einem Hochsommersonntag durch die leichtbekleideten und gepäckoptimierten Touristenmassen nach oben. Als Bergsteiger kommen wir uns beinahe wie Exoten vor – denn mitten im Hüttenzustieg haben die Schweizer mit viel Geld und gewohnter Präzision die längste Hängebrücke der Welt in den Hang gebaut – Anziehungspunkt für Flipflop-Ausflügler aus aller Welt.

Gleich daneben verübt die Europahütte mit ihrem Sonntagsfrühschoppen einen ernsten Anschlag auf unsere Viertausenderpläne. Aber Matthias hat seine Schäfchen im Griff, und so steigen wir davon unbeeindruckt die letzten 700 Höhenmeter durch die Steilstufe empor zur Domhütte, lassen die Touristenmassen zurück, stets begleitet von Gesang und Musik aus dem Biergarten tief unter uns. Aber spätestens, als kurz vor der Hütte das sagenumwobene Horu (manche nennen es auch Matterhorn) zum ersten Mal in den Blick kommt, sind unsere Gedanken wieder ganz bei den weltberühmten Viertausendern, die jetzt in einer gigantischen Naturarena auf allen Seiten Spalier stehen. Nach vier Stunden Aufstieg auf hochqualitativem Schweizer Hüttenweg erreichen wir am frühen Nachmittag die Domhütte auf 2.940 Metern Höhe. Matterhorn und Weisshorn bilden eine eindrucksvolle Kulisse.

Ein gastlicher Ort auf fast 3000 Metern

Der Nachmittag dient zum Akku aufladen, Weiterweg erkunden und Ausrüstung vorbereiten – denn bei günstigem Wetter wollen wir gleich am nächsten Tag den Traum vom Dom wahr machen, und das bedeutet nochmal mehr als 1.700 Höhenmeter in dünner Luft. Die Domhütte macht es uns auch wirklich einfach, Kraft zu tanken. Die Hütte ist nicht nur vor kurzem kernsaniert und teilweise neu gebaut worden, sondern sie wird auch bestens bewirtschaftet. Eine echte Schweizer Qualitätshütte – wir wären wohl heute noch oben an diesem gastlichen Ort – wären da nicht die Schweizer Preise. Pünktlich zum Nachtessen beginnt es zu regnen, der Wetterbericht sagt für Montag einen schaueranfälligen Tag voraus. Die Schweizer Bergführer raten uns dennoch zum Aufbruch. Leicht skeptisch geht es um 20 Uhr ins komfortable Bett, denn sechseinhalb Stunden später ist für uns die Nacht zu Ende. Der prasselnde Regen begleitet uns in unsere Träume vom Dom.

Der frühe Vogel fängt den Gipfel

Am Montagmorgen um 2:30 Uhr hat es mit Schweizer Präzision aufgehört zu regnen, beim spartanischen Frühstück begrüßt uns ein sternenklarer Himmel. Das sieht gut aus – kurz nach 3 Uhr beginnt an der Domhütte im Stein der Stirnlampen das Projekt Viertausender. Neben uns starten nur noch drei andere Bergführerseilschaften, es wird also ein einsamer Tag am Dom – am Wochenende ist der Gipfel meist komplett überlaufen. Die ersten 300 Höhenmeter steigen wir in tiefer Nacht über Blockwerk, aber mit Steinmandln gut markiert, bis zum Anseilplatz am Beginn des Festigletschers. Die nächsten 300 Höhenmeter stapfen wir mit Steigeisen und Pickel hochkonzentriert in zwei Seilschaften über den spaltigen und an manchen Stellen schon fast blanken Festigletscher, bis um fünf Uhr morgens der Einstieg in das legendäre Festijoch erreicht ist.

Was hört man nicht alles über diese ca. 80 Meter hohe Felsflanke, die der Dombesteiger hier überwinden muss. Dank der Felsgewandtheit von Matthias und gutem Teamwork können wir zügig den leichtesten Durchstieg durch die Felsen finden, den wir seilfrei im II. Grad auch mit Steigeisen problemlos meistern. Oben am Festijoch auf 3.700 Metern ist Halbzeit bis zum Gipfel – zumindest von den Höhenmetern. Aber jetzt kommen die anspruchsvollen Stellen, und spätestens bei der magischen Viertausendermarke wird die Luft dünn. Wir schnaufen kurz durch und sammeln Kräfte für den anstrengenden Grat. Es dämmert, und das Tageslicht zeigt uns, in welch gigantischer Naturarena wir gerade praktisch alleine stehen: direkt gegenüber der Nadelgrat, im Westen die stolze Pyramide des Weisshorns, daneben Zinalrothorn, Matterhorn und Monte Rosa. Die angekündigten Schauer bleiben aus – wir steigen in einen wolkenlosen Himmel empor. Einer der exklusivsten Aussichtsplätze der Alpen – das gibt uns gewaltige Motivation für die letzten 800 Höhenmeter zum Gipfel.

Himmelsleiter aus Eis und Firn

Auf den ersten Höhenmetern zeigt der Festigrat gleich seine Zähne – mehrfach sind teilweise vereiste Stellen mit 50° Neigung zu überwinden. Mit gutem Material, ebenso guten Nerven und der bedächtigen Führung durch Matthias meistern wir aber alle kitzligen Stellen. Es sind nur kurze anspruchsvolle Stellen, der Großteil des Grats ist eine Himmelsleiter aus wunderbarem Trittfirn. Oberhalb der 4000er-Marke wird der Grat flacher und wunderbar zu steigen – nur einige Spalten ziehen sich beinahe bis auf den Grat und erfordern nochmal alle Aufmerksamkeit. Die Luft wird zunehmend dünner, 550 Höhenmeter oberhalb der Viertausendergrenze sind zu meistern und bringen so manchen aus unserer Gruppe an seine konditionellen Grenzen. Aber Matthias schafft es immer wieder, alle Kraftreserven aus seinen Schützlingen zu mobilisieren, bis ganz unverhofft das kleine Gipfelkreuz hinter einem Grataufschwung hervorblinzelt. Der Traum vom Viertausender – jetzt ist er zum Greifen nah. Konzentriert und zielstrebig steigen wir die letzten 150 Höhenmeter durch frischen Tiefschneepowder in strahlendem Sonnenschein hoch zum luftigen Gipfel.

Momente für die Ewigkeit

Am 6. August 2018 um 9:30 Uhr stehen wir ganz alleine auf dem „Top of Switzerland“ mit 4.545 Metern. Der Traum vom Viertausender – er hat sich auf schönste Art und Weise erfüllt. Vom kleinen Gipfelkreuz mit der Jesusfigur blicken wir in einen strahlenden, windstillen Hochsommerhimmel. Nur noch Monte Rosa und der Mont Blanc in der Ferne sind höher – alle anderen Viertausender liegen weit unter uns. Auch das Nadelhorn gegenüber sieht nun ganz klein aus. Das Gefühl, an diesem exklusiven Gipfel über einen tollen Grat und bei bestmöglichem Wetter stehen zu dürfen, lässt sich kaum in Worte fassen. Wir sind einfach nur demütig und dankbar.

Der Gipfel ist erst der halbe Weg

Augenblick, verweile doch – das wird sich so mancher Bergsteiger in diesem Moment denken. Aber vor uns liegt noch ein langer und anfangs steiler Gletscherabstieg über den Normalweg zurück zur sicheren Hütte. Mit unseren zwei Seilschaften steigen wir bei immer noch stabilem Wetter und super griffigem Schnee die 800 Höhenmeter über das weite Becken des Hohbärggletschers hinab zum Festijoch. Die durchaus vorhandenen Spalten können wir dank der geschickten Spuranlage der Bergführer sehr günstig auf noch gut haltenden Schneebrücken überqueren. Eine letzte kitzlige Stelle wartet auf uns vor dem Gegenanstieg zum Festijoch, wo kirchturmhohe Seracs drohen, abzubrechen. Am Vortag haben sich fette Abbrüche auf die Spur geschoben. Mit schnellem Schritt gehen wir auch dieser Gefahr aus dem Weg und erreichen das Festijoch.

Es ist nun kurz vor Mittag, aber der sichere Hafen „Domhütte“ ist noch nicht erreicht. Erst müssen noch Festijoch und Festigletscher auf dem Rückweg gemeistert werden. Wir haben Glück: da wir alleine unterwegs sind, müssen wir an der Abseilpiste am Festijoch nicht im Stau stehen. Am Tag zuvor musste der Alpinist hier durchschnittlich eineinhalb Stunden aufs Abseilen warten. Nach erfolgreicher Ablass- und Abseilaktion binden wir uns ein letztes Mal in die Seilschaften ein und stapfen über den Festigletscher nach unten zur Hütte. Die Konzentration auf den letzten Gletschermetern aufrecht zu erhalten, ist eine große Herausforderung. Aber gerade jetzt am frühen Nachmittag hat der Ferner einige Spalten aufgemacht, und so manche Schneebrücke ist morsch. Also reißen wir uns nochmal kurz zusammen und erreichen glücklich den Anseilplatz in der Gletschermoräne. Jetzt erst haben wir den Dom wirklich geschafft. Von uns allen, aber speziell von Matthias, fällt eine riesige Anspannung ab. Nicht nur den Gipfel haben wir erreicht, sondern es sind auch alle ohne Zwischenfälle wieder gesund in sicheres Gelände gekommen.

Geschafft und glücklich

Zurück an der Hütte brechen alle Dämme, und trotz Schweizer Preisen wäre jetzt erst mal Party angesagt. Wobei … so heftig wird die Feier dann doch nicht, denn nach 12 anstrengenden Hochtourenstunden meldet sich doch recht schnell die Müdigkeit zu Wort. Und so schleicht der brave mittelfränkische Bergsteiger nach einem üppigen „Z’Nacht“ und einigen wohlverdienten Hopfenkaltschalen in sein komfortables Nachtlager – mit der beruhigenden Aussicht, am nächsten Morgen nicht um halb drei aufstehen zu müssen. Punkt 20 Uhr hat es wieder zu regnen begonnen. Ist uns jetzt aber wurscht.

Hochtouren-Wellness

Tag 3 unserer Tour haben wir zum Wellnesstag erkoren. Nach der Anstrengung der letzten beiden Tage gönnen wir uns ein ausgiebiges Frühstück, begleitet von gefühlt hunderten Fotos mit dem morgendlichen Matterhorn. Scheiden tut weh – von der toll geführten Domhütte besonders. In der Morgensonne sprinten wir in einer Stunde runter zur Europahütte. Jetzt dürfen wir es den Touristen nachmachen und schaukeln zur Belohnung über die einen halben Kilometer lange Hängebrücke. Die letzte Abstiegsstunde bringt uns nochmal viel Touristen-Gegenverkehr – um 11 Uhr sind wir zurück in Randa bei unserem treuen Sprinter. Der Rest des Tages ist einfach nur Genuss: Im Rhônetal versorgen wir uns mit Walliser Aprikosen und dem wohl besten Bergkäse der Alpen, über den Grimselpass folgen wir Stefans Geheimtipp: den Nachmittag verbringen wir nicht im Stau, sondern im warmen Sarnersee bei Luzern. Beim Wolkenbruch am Nachmittag sitzen wir glücklich unterm Sonnenschirm im Biergarten. Nach einer super Fahrt über Schweizer Autobahnen liefert Matthias seine Mannschaft und Sprinter wohlbehalten wieder in Ansbach ab.

Dankbar für einen erfüllten Traum

Vor zwei Jahren war uns das Nadelhorn ein großer Lehrmeister. Der Dom nun wurde ein Meisterstück, das ein Leben lang in Erinnerung bleiben wird – dank einer tollen Truppe, die über sich hinausgewachsen ist. Aber vor allem dank Dir, lieber Matthias, der Du das Projekt Viertausender so beharrlich vorbereitet und so engagiert geführt hast. Herzlichen Dank – der Dom war nicht irgendein, sondern dein Meisterstück! Aprikosen und Bergkäse sind mittlerweile aufgegessen und brauchen Nachschub – wir müssen wohl bald wieder einen Walliser Viertausender besuchen … und auf die Hochtourenpackliste gehören dann auch Badesachen!

Dom vom Festigletscher
Klemens im Grat
Sonnenaufgang am Festigletscher
Matterhorn
Festigrat erste Schritte
Im Festigrat
Weisshorn vom Festigrat
Mont Blanc
Abseilen am Festijoch
Abstieg vom Gipfel
Schweizer Hüttenzustieg