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Liechtensteiner Panoramaweg

22.07.2016 - 24.07.2016
Autor: Annika Keller
Tour-Nr.: 2016-02-57

In drei Tagen durch den kleinsten Alpenstaat

Fernwanderwege üben einen großen Reiz auf mich aus, gern lese ich in den Blogs von Wanderinnen und Wanderern, die wochenlang unterwegs sind und dabei eine Region oder gar ein Land erkunden. Wenn dann in diesen Berichten die scheinbar obligatorischen großen Blasen an den Füßen oder andere körperliche Schmerzen beschrieben werden, mit denen sich die Wanderer plagen und trotzdem weiterlaufen, dann fragte ich mich bisher immer: Könnte ich das?

Als ich mich im Januar für meine erste Wandertour mit dem DAV anmeldete, rechnete ich noch nicht damit, dass ich Ende Juli diese Frage für mich würde beantworten können. Zu diesem Zeitpunkt lockte mich vor allem eins: ein Land von Nord nach Süd zu durchwandern. Liechtenstein. Dieses kleine Fürstentum, über das man eigentlich nichts weiß. Das eingeklemmt zwischen Österreich und der Schweiz liegt und aus nicht viel mehr als der Rheinebene auf der einen Seite und den Bergen auf der anderen besteht. Irgendwie versprühte das nicht nur für mich, sondern wie sich später herausstellte auch für die anderen Teilnehmer bis hin zu unserem Wanderleiter Roland diesen gewissen Hauch von Exotik.

Am Freitagmorgen brachen wir trotz sehr durchwachsener Wettervorhersagen als achtköpfige Gruppe von Ansbach aus auf ins Abenteuer. Die Namen unserer Expeditionsteilnehmer seien hier in willkürlicher Reihenfolge genannt: Stephan, Peter, Norbert, Thomas, Roland, Charly, Renate und dann halt noch ich. 

Den Kleinbus ließen wir nur knappe 4 Stunden später am Schloss von Vaduz zurück, das uns einen wundervollen Anblick gleich zu Beginn der Tour bescherte. Eine prima Einstimmung. Unser Ziel für den ersten Tag war die Gafadurahütte auf 1428 m. Der Weg dorthin führte uns durch den Wald, zunächst hinab in einen Tobel und von da an beständig und über weite Strecken steil hinauf. Und er brachte mich an meine Grenzen. Eine vier Wochen zurückliegende Rippenprellung machte sich in den Anstiegen mehr als deutlich und vor allem sehr schmerzhaft bemerkbar. Ich dachte ans Aufgeben, auch aus dem Grund, dass ich das erste Mal in einer solchen Gruppe unterwegs war. Wer möchte da schon gern den Verkehr aufhalten?

Doch die Gruppendynamik funktionierte und ich erfuhr viel Unterstützung. Norbert, Stephan und Thomas war mir meist weit voraus, warteten jedoch immer wieder geduldig. Thomas und Renate bildeten das Mittelfeld, Roland den Springer und Charly mit mir gemeinsam die Nachhut. Auch der Wettergott war uns gnädig: nur einen Gewitterschauer ließ er auf uns niedergehen – und das direkt vor einem leeren Kuhstall, in den wir uns flüchten konnten. Es sollte der einzige Regen während der drei Tage bleiben. So erreichten wir am späten Nachmittag die Hütte, trockneten die schweißnassen T-Shirts in der Sonne und genossen ein wunderbares Essen. Belohnt wurden wir dann noch mit einem herrlichen Sonnenuntergang über dem Säntis-Massiv in der Schweiz und den Ansätzen eines Alpenglühens auf den Felswänden der Drei Schwestern, unserem ersten Ziel für den nächsten Tag.

Dem Liechtensteiner Panoramaweg folgend brachen wir am nächsten Morgen auf mit dem Ziel Sücka. Zwei Felssteige auf dem Weg verhießen uns herausfordernde Kraxeleien und herrliche Aussichten. Zumindest das erste Versprechen erfüllte sich schnell: Nach dem Aufstieg auf den Sarojasattel erreichten wir relativ bald den Drei-Schwestern-Steig, wo uns schon kurz nach dem Einstieg eine erste Leiter erwartete. Der gesamte Steig ist aber gut gesichert, ein Seil hilft an den kniffligsten Stellen beim Auf- und Abstieg. So macht das Kraxeln Spaß! Endlich bekommen wir auch die dritte Schwester zu Gesicht. Sie duckt sich hinter die anderen beiden und verbarg sich so am Vorabend vor unseren neugierig aufwärts spähenden Augen.

Nächstes Zwischenziel nach den Drei Schwestern war der Gipfel des Garsellikopfes (2105m), von wo wir schon den Kuegrat (2123m) als höchsten Gipfel der heutigen Wanderung ausmachen konnten. Immer wieder boten sich auf unserem Weg wunderbare Ausblick hinunter in die Rheinebene, wo Liechtenstein vor uns ausgebreitet lag.

Leider zogen, während wir auf dem Weg zum Fürstensteig waren, immer mehr Wolken auf. Unsere Schritte wurden wieder vorsichtiger. Auf dem Steig ragten dann links von uns die Felswände steil empor und zum Teil auch fast in Kopfhöhe in den schmalen, ausgesetzten Pfad hinein, rechts fielen steile Hänge scheinbar bis zur Rheinebene hinab – viel davon sehen konnten wir leider nicht: Um uns herum war alles grau und weiß, mit der Aussicht war es vorbei. Das war natürlich schade, so konnten wir nur erahnen, welches Erlebnis dieser Weg sonst bietet. Stattdessen waren wir in einer fast gespenstischen Atmosphäre gefangen, schritten meist schweigend und konzentriert voran, an Stellen, wo der Weg ausgebrochen und abgerutscht zu sein schien, beschleunigte sich der Puls merklich. Dafür boten sich aber zwischendurch Szenen, die an Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ erinnerten.

Zum Ende des Steigs machten sich dann bei den meisten von uns Durst und die Erkenntnis bemerkbar: Wasser ist auf diesem Weg schwer zu finden. Deshalb hier der Rat für alle, die in unsere Fußstapfen treten: Nehmt genug Wasser mit auf diese Etappe! Erst auf dem letzten Wegstück nach Sücka fanden wir einen kleinen Wasserfall, an dem wir unsere Flaschen füllen konnten, sodass wir dann nahezu entspannt nach einem herrlichen Wandertag am Nachmittag im Berggasthof Sücka einmarschieren konnten. Mein Mitbringsel: zwei große dicke Blasen an den Füßen, zum ersten Mal in meinen eigentlich gut eingelaufenen Schuhen. Mein Trost: Das schon vorbestellte Käsefondue für die ganze Gruppe, mit Brot und Obst – ein Traum!

Leider hatte sich meine einzige Mit-Wanderin Renate an diesem Tag den Fuß vertreten, der Knöchel schmerzte und ihr Mann Charly und sie entschieden am nächsten Morgen, die dritte Etappe nicht mehr mitzulaufen, sondern von Sücka nach Steg abzusteigen. Sie fuhren mit dem Bus zurück nach Vaduz und holten unseren Bus, um uns am Nachmittag in Malbun, dem Ziel unserer Wanderung einzusammeln. Ein Glücksfall für uns, wie sich herausstellte, denn wir waren doch länger unterwegs als erwartet.

Ich selbst war lange am Grübeln, ob ich mich den beiden nicht anschließen sollte, doch dann packte mich der Ehrgeiz. So weit hatte ich es nun schon geschafft … Ich bereute es nicht: Unser Weg am dritten Tag führte uns überaus idyllisch auf einem schmal sich windenden, von vielen Wildblumen gesäumten Pfad am Berghang entlang. Die Sonne schien, die Murmeltiere pfiffen – es war einfach herrlich. Die Blasen versuchte ich so gut es ging zu ignorieren. Als Helfer dabei erwiesen sich die vielen Tiere auf dem Weg: Kühe zum Streicheln, Ziegen zum Meckern und als Überraschung eine Herde Alpakas, die uns neugierig beobachteten. Und auch meine Mitwanderer waren mir wieder eine große Unterstützung, Roland etwa nutzte mein langsameres Tempo, um seine Fotosammlung von Blumen zu vervollständigen.

So stiegen wir in sanften Kurven durch das Naaftal zur Pfälzer Hütte auf, wo wir uns auf der Sonnenterrasse mit Rösti und Kuchen stärkten. Stolz können wir nun von uns behaupten, alle Hütten des Liechtensteiner Alpenvereins besucht zu haben – es sind halt nur derer zwei. Weiter ging es über den Augstenberg (mit obligatorischem Gipfelfoto auf 2359 m) und den Fürstin-Gina-Steig, der nach den zwei Steigen vom Vortag eher unscheinbar daherkam, in Richtung Malbun. Den Abstieg kürzten wir ab – statt auf dem Grat bis zur Bergstation der Seilbahn zu laufen, bogen wir nach links ab und stiegen auf einem Trampelpfad steil ins Tal hinunter. Der Weg zog sich, die Häuser im Tal schienen kaum näher zu kommen und die Uhrzeiger schritten immer weiter voran. Gott sei Dank waren wir nicht mehr vom Busfahrplan abhängig! Irgendwo dort unten warteten schon Charly, Renate und der DAV-Bus auf uns. Endlich kamen wir am Ortsrand an und mussten in einem Endspurt nur noch ans andere Ende gelangen. Dieses wunderbare Gefühl, sich dort der Schuhe zu entledigen, warme und bequeme Sachen anzuziehen und dann noch ein erfrischendes Getränk im Café zu schlürfen und sich über die Erlebnisse des Tages auszutauschen. Und dann hieß es schon wieder Abschiednehmen von Liechtenstein.

Das Fürstentum hat uns alle überrascht mit seiner Vielfalt und Schönheit. Es zeigte uns an drei Tagen drei völlig verschiedene Gesichter – vom dichten Wald über die karge und schroffe Bergwelt mit wenig Wasser bis hin zur bunten Leichtigkeit am dritten Tag. Mich hat es vor zwei Prüfungen gestellt, die ich zu meiner großen Freude bestanden habe. Und es hat mir als begeisterter Solo-Wanderin die Erfahrung des Unterwegsseins in einer Gruppe beschert. Was will man mehr? Naja, außer einmal wieder hierher zurückzukommen vielleicht.                          

Tourenleiter: Roland Bräunling

Teilnehmer: Annika, Karl-Heinz, Norbert, Peter, Renate, Roland, Stephan, Thomas

Gruppenbild
Schloss Vaduz
Rösti auf der Gafadurahütte
Alpenglühen am Säntis
Aufbruch an der Gafadurahütte
Aufstieg zum Drei-Schwestern-Steig
Drei-Schwestern-Steig
Am Gipfel des Kuegrats
Das Valüner Tal
Am Gipfel des Augstenbergs
Das Ziel: Malbun