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Hochtour Nadelhorn

18.08.2016 - 20.08.2016
Autor: Stefan Diezinger
Tour-Nr.: 2016-02-32

„Berge sind stille Meister …“

Dienstag, 27. Juli 2010: eine Hochtouren-Expedition der Ansbacher Sektion unter Leitung von Peter Jörg macht sich von der Mischabelhütte aus auf den Weg, das Nadelhorn in den Walliser Alpen zu besteigen. Starker Sturm und extreme Kälte bereiten dem Gipfelsturm auf den stolzen Viertausender jedoch ein Ende – der Traum vom Nadelhorn bleibt unerfüllt. Sechs Jahre später wagt die nächste Gruppe unserer Sektion einen Anlauf auf diesen Traumgipfel. Wird es ihr diesmal gelingen, den windigen „Fluch vom Nadelhorn“ zu besiegen?

Kribbeln im Bauch, Herzklopfen und schweißnasse Hände bekommen fünf ambitionierte Bergsteiger aus unserer Sektion, als sie das Tourenprogramm 2016 durchgelesen haben: Matthias Klein hat eine Hochtour auf einen stattlichen Viertausender in der Schweiz ausgeschrieben – das Nadelhorn mit stolzen 4.327 m Gipfelhöhe. Nach einem Tag Anreise, Hüttenaufstieg und Akklimatisation soll es am zweiten Tag auf den Gipfel gehen, und nach getaner Arbeit am dritten Tag nach dem Abstieg wieder zurück in die Heimat - soweit der Plan.

Voller Vorfreude fiebern wir dem dritten Augustwochenende entgegen – für die meisten von uns soll es der erste Viertausender werden. Die Motivation ist gut – der Wetterbericht leider nicht. Für unseren Gipfeltag wird eine Kaltfront angesagt, die Vorfreude weicht großer Enttäuschung. Aber so schnell gibt unser Tourenleiter nicht auf. Gemeinsam entsteht der kühne Plan, bereits einen Abend früher anzureisen und das Nadelhorn gleich am ersten Tag zu besteigen. Und so macht sich Matthias gemeinsam mit vier hoffnungsvollen Bergsteigern auf den Weg ins Wallis.

Langer Weg ins Wallis

Von Ansbach aus sind alle Wege ins Wallis lang und weit – nach sieben Stunden Fahrt quer durch die Schweiz über Oberalp- und Furkapass parkt unser Chauffeur Günther nach einer fahrerischen Meisterleistung seinen Sprinter nachts um 2 Uhr am Parkhaus von Saas Fee. Im Schein der Stirnlampen packen wir unsere Hochtourenausrüstung zusammen und marschieren unsere ersten Höhenmeter durch das schlafende Touristendorf. Vor uns liegen nun „zum Warmwerden“ gute 1.500 Höhenmeter Aufstieg zur Mischabelhütte. Das Projekt „Viertausender“ kann beginnen!

Steil hinauf zur Hütte

Der Aufstieg zur Mischabelhütte sucht seinesgleichen: er ist einfach nur steil. Einen „direkteren“ Hüttenzustieg hat wohl noch niemand von uns erlebt. Bereits auf den ersten Metern im Dorf sehen wir das nächtliche Licht in der Hüttenstube 1.500 Meter vertikal über uns. Aber bis dorthin heißt es nun für uns: endlose Serpentinen abspulen. Wir machen kaum Kilometer, nur Höhenmeter. Saas-Fee tief unter uns, die Mischabelhütte hoch über uns. Nur der Vollmond überm Allalin begleitet uns auf unserem nächtlichen Anstieg in die Höhe.

Im Licht der ersten Dämmerung erreichen wir den oberen Teil des Hüttenaufstiegs: drahtseilversichert geht es steil durch den Fels des Distelhorns. In den Ostalpen wäre das ein mittelschwerer Klettersteig, was die Schweizer hier so lapidar „Hüttenweg“ nennen. Aber Matthias führt uns alle mit einem super-konstanten Tempo sicher und konstant nach oben.

Dünn ist die Luft geworden, als wir nach viereinhalb Stunden morgens um halb acht die Mischabelhütte auf 3.340 Metern Meereshöhe erreichen. Die eisigen Spitzen der Gipfel ragen nochmal 1000 Meter höher in den klaren Morgenhimmel. Es sind beeindruckende Dimensionen hier im Wallis. In den Westalpen ist einfach alles noch einen Tick höher, größer, weiter und anspruchsvoller.

Hoch hinauf in eisige Höhen

Nach einer kurzen Frühstückspause in der menschenleeren Hütte rüsten wir uns für den Gipfelsturm. 1000 Höhenmeter auf dem Nadelhorn-Normalweg liegen noch vor uns. Die ersten 300 Höhenmeter nach der Hütte machen genau da weiter, wo der Hüttenweg aufgehört hat: durch Fels und blockiges Geröll schrauben wir uns in die Höhe. Aber das Panorama, das wir nun genießen dürfen, lässt alle Anstrengung vergessen: eine prachtvolle Arena von Viertausendern baut sich rund um uns auf. Kühne Riesen aus Fels und Eis zeigen sich an allen Ecken und Enden. Weissmies, Lagginhorn, Alphubel, Allalinhorn, Lenzspitze, Dom – sie alle sind zum Greifen nah. Nur das Matterhorn – das versteckt sich noch hinter dem Nadelhorngipfel.

Wie es sich für eine Hochtour gehört, folgt auf den Fels der Gletscher. Auf 3.600 Metern verlassen wir den Felsgrat, rüsten uns mit Pickel und Steigeisen aus, seilen uns an – und los geht’s über den Hohbalmgletscher hoch zum Windjoch. Das Auge trügt uns in dieser Höhe und in diesen gewaltigen Dimensionen. Wo wir glauben, in einer Viertelstunde drüber zu sein, brauchen wir mehr als doppelt so lange. Aber Matthias führt unsere Seilschaft sicher über alle Gletscherspalten, die in diesem Sommer sehr gutmütig mit Schnee gefüllt sind. Der steile Schlussaufstieg hoch zum Windjoch wird zum Wadlzwicker – immerhin haben wir schon fast 2000 Höhenmeter in den Beinen. Aber unser Guide weckt nochmal alle Kräfte in uns und führt uns konzentriert hoch ins Joch.

Fremde Seilschaften kommen uns entgegen – sie haben wegen des starken Windes auf dem Grat abgebrochen. Und auch wir spüren jetzt, woher das Windjoch seinen Namen hat. Trotz blendendem Sonnenschein peitscht uns der Wind in Böen um die Ohren und rüttelt am ganzen Leib. Spätestens jetzt sind alle um ihre Windstopper-Ausrüstung froh. 2.100 Höhenmeter liegen seit heute Nacht schon hinter uns, weitere 400 wären es noch auf leichtem Firn-Felsgrat zum Nadelhorn. Der Wind zerrt an unseren Jacken, Matthias leitet uns langsam aber sicher in Richtung Gipfel. 200 Höhenmeter müssten wir zum Gipfel noch aufsteigen, als der Wind immer stärker wird – einem Bergsteiger aus unserer Gruppe wird es konditionell zu viel. Es wäre unverantwortlich, mitten im Firngrat bei Sturmböen einen Kameraden zurückzulassen – und so ist die einzig richtige Entscheidung, dass wir gemeinsam den Rückzug antreten. Den Nadelhorngipfel müssen auch wir vertagen. Aber zumindest haben wir die magische 4000-Meter-Marke durchbrochen.

Sicher zurück zur Hütte

Der steile Abstieg durch sumpfigen Schnee erfordert nochmal volle Konzentration. Als wir vom Gletscher runter sind, ist unser Tourenleiter sichtlich erleichtert: keiner verletzt, keine Spaltenstürze, alle wohlauf. Nach all der Anstrengung lassen wir es uns den restlichen Tag auf der Mischabelhütte einfach nur gut gehen. Oder wie der Franke von heute sagen würde: einfach mal abchillen …

Und dafür ist auf der Mischabelhütte heute auch viel Platz. Gerade mal 12 Gäste teilen sich am Abend die Hütte, auf der sonst an vollen Wochenenden 140 Bergsteiger im Zweischichtbetrieb zu Abend essen müssen. Allzu feuchtfröhlich wird der Abend trotzdem nicht – das Bier kostet hier oben noch mehr als auf der Wies’n.

Flucht vor der Kaltfront

Der Samstagmorgen beschert uns nochmal einen tollen Sonnenaufgang, aber im Westen sieht man bereits die Wolken der Kaltfront aufziehen. Nach dem eher spartanischen Frühstück mahnt uns Matthias zum zeitigen Aufbruch. Was wir gestern so steil hochgestiegen sind, geht es nun ebenso steil wieder bergab: 1.540 Höhenmeter direkt in Falllinie nach Saas-Fee. Gute zwei Stunden später stehen wir auch schon wieder mitten im Touristenzentrum von Saas-Fee, wo die Elektroautos nur so um uns herumschwirren. Die ersten hohen Gipfel verschwinden da bereits in den Wolken.

Eine letzte skurrile Begegnung machen wir im Parkhaus: hunderte ultraorthodoxer Juden im Feiertagsgewand sind am Samstagmorgen vor dem Parkscheinautomaten zusammengekommen, um dort Schabat zu feiern. Wir entfliehen den herannahenden Wolken in Richtung Heimat. Am Furkapass hat uns dann auch der Regen eingeholt – der Wetterbericht hatte Recht. Günther bringt uns mit seinem Sprinter sicher wieder nach Ansbach.

Was bleibt?

„Berge sind große Meister und machen stille Schüler“ – das steht auf dem Gipfelkreuz des Nadelhorns, das auch wir leider nur aus der Ferne gesehen haben. Dieser stolze Viertausender ist und bleibt ein großer Lehrmeister. Zum richtigen Zeitpunkt umkehren zu können, das macht aus einem Bergsportler einen verantwortungsvollen Bergsteiger. Aber aller guten Dinge sind drei: beim nächsten Mal wird der „Fluch des Nadelhorns“ sicher gebrochen werden.

Wir kehren zwar ohne Gipfelsieg, aber trotzdem nicht mit leeren Händen zurück. Was bleibt, ist die Erinnerung an gute Kameradschaft, atemberaubende Landschaft – und umsichtige und gewissenhafte Führung durch unseren Tourenleiter. Vielen Dank, Matthias, für das sichere Leiten (und manchmal auch Leiden) bei unserer Expedition in eisige Höhen. Wir kommen wieder.

Aufstieg mit Vollmond und Stirnlampe
Christoph im Aufstieg zum Hohbalmgletscher
Matthias führt über den Gletscher zum Windjoch
Blick vom Windjoch zur Weissmiesgruppe
Der Nordostgrat aufs Nadelhorn
Die 4000 Meter sind überschritten
Rückzug zum Windjoch
Abstieg vom Nadelhorn-Normalweg
Christoph beim kniffligen Abstieg vom Windjoch
Im Fels hinab zur Mischabelhütte
Steiler Abstieg nach Saas Fee