Der selbstständige Bergsteiger - Teil 1

08.04.2016 - 10.04.2016
Autor: Sylvia Pludra und Friedrich Meyer
Tour-Nr.: 2016-01-31

Von blöden Bröseln, Babybrei und linksdrehenden Tiefdruckgebieten

Selbständigkeit ist angesagt

Bereits im Vorfeld war für die Kursteilnehmer Selbstständigkeit gefordert, bei der Bildung von Fahrgemeinschaften, bei der Organisation der Verpflegung für die Selbstversorgerhütte und für Vorschläge zu den Packlisten.

Am Freitag um 15:00 Uhr ging es dann am Vereinsheim Richtung Aicha los. Nach der Ankunft und kurzer Einweisung in die Hütte bildeten sich auch schon selbständig die ersten Teams: Holz machen fürs Lagerfeuer, Küche für die gemeinsamen Mahlzeiten vorbereiten.

Nach dem Kennenlernen und dem Abgleich von angebotenen Inhalten und den Erwartungen der Teilnehmer sowie einer deftigen Brotzeit starteten unser Kursleiter Matthias und sein Co-Trainer Stefan durch.

 „Brösel“ und Granit

Wie es sich für einen ordentlichen Bergsteiger gehört, begann unser Kurs mit der Planung. In unserem Fall war es der Themenblock Tourenplanung. Wir lernten, dass wir uns z. B. im Internet einen groben Überblick verschaffen können, wo sich unser geplantes Tourenziel befindet und welche Gesteinsbeschaffenheit dort vorliegt. So können wir uns schon daheim am Schreibtisch darauf einstellen, ob wir eher „blöden Brösel“ oder z. B. Granit vorfinden. Mit „Brösel“ meinten unsere gewieften Tourenleiter übrigens Kalkgestein, das in den nördlichen und südlichen Alpen anzutreffen ist und dem Bergsteiger besondere Umsicht im Gelände abverlangt. Welche Literatur und Kartenwerke empfehlenswert sind, welche Schwierigkeitsgrade es gibt, erfuhren wir ebenso wie, dass es in Notlagen mit Babybrei ein tolles Essen auf dem Berg geben kann. Babybrei ist nahrhaft, macht satt und passt zudem in einen kompakten Rucksack. Ein selbstständiger Bergsteiger muss nicht viel schleppen, wenn er richtig packt. Zudem vermindert ein kleines Gepäck das Risiko, in einem ungünstigen Moment mit dem selbigen am Fels hängen zu bleiben.

Neben Studium von Karte und Führer, Einschätzung der Schwierigkeit, Prüfung der aktuellen Verhältnisse und umfassender Wetterbeobachtung gehört zur Schreibtischarbeit auch das Erstellen einer Marschtabelle mit Geh- und Pausenzeiten, wenn wir bei einer selbstständigen Tour auf der sicheren Seite sein wollen.

Nach einem intensiven Abend klang der Tag am Lagerfeuer aus.

Frische Brötchen und Felsen

Bis wir Teilnehmer am Samstagmorgen aus den Betten gekugelt waren, hatten Matthias und Stefan schon ihren ersten Einsatz hinter sich, sie waren nach Wellheim marschiert, um uns mit frischen Brötchen zum Frühstück zu verwöhnen.

Heute war in erster Linie Praxiseinsatz angesagt. Nach einleitender Ausrüstungskunde ging es an den Fels. Zunächst übten wir das Toprope-Sichern und –klettern, mit drei Paarungen bestiegen wir den Märchenturm von verschiedenen Seiten. Die richtigen Knoten beherrschen, der Partnercheck, die richtige Sicherungstechnik und natürlich das Klettergeschick standen hier im Mittelpunkt.

Die zweite Runde am Fels begann mit Knotenkunde auf der Hüttenterrasse – dort übten wir Bulinauge, Mastwurf und Prusik. Nachdem alle Knoten sicher beherrscht wurden, ging es wieder an den Märchenturm. Dort simulierten wir eine Mehrseillängenroute, bestehend aus Vorstieg, Standplatzbau, Nachstieg und Abseilen. Wir merkten deutlich, dass es ein Unterschied ist, den einhändigen Mastwurf beim Üben an der Hütte zu binden oder am Fixpunkt in voller Anspannung und mit einer Hand in den Fels gekrallt zur Eigensicherung. Matthias und Stefan brachten uns die Fertigkeiten in Ruhe und mit viel Sicherheit bei. Wir hatten ausreichend Zeit, dass jeder Teilnehmer alle Aspekte mindestens einmal üben konnte.

Im Anschluss waren bei der Orientierung mit Karte, Kompass und Höhenmesser alle Teilnehmer gefordert und immer wieder überrascht, welche Fähigkeiten man zum sicheren Navigieren beherrschen muss. Die Begriffe vorwärts, rückwärts einschneiden sowie seitwärts abschneiden mussten erstmal mit Inhalt gefüllt und dann auch noch praktisch angewendet werden. Matthias machte anschaulich klar, wie wichtig diese Kenntnisse in gewissen alpinen Situationen sind.

Gegrilltes und das Genuatief

Nach einem leckeren Essen vom Grill und viel Salat setzten unsere beiden Kursleiter ihre fesselnden und mitreißenden Vorträge fort.

Wir waren bei der Wetterkunde angekommen und Stefan machte uns schwindelig. Er erklärte von linksdrehenden Tiefdruckgebieten und rechtsdrehenden Hochdruckgebieten, warf uns Isobaren und Isohypsen um die Ohren, dass es nur so blitzte und krachte und machte uns deutlich, was es mit dem eingeschlossenen Genuatief über Italien auf sich hat. Abschließend folgte noch eine Einweisung in die Nephologie, auch Wolkenkunde genannt.

Wir beschlossen den tollen Tag mit spannenden Bergsteigergeschichten am Lagerfeuer und ließen uns dabei von zarten Tröpfelchen, die uns das Genuatief schickte, die Stirn abtupfen. 

Zum guten Schluss ein Klettersteig

Der Sonntag begrüßte uns mit frühlingshaftem Traumwetter und wir starteten mit den restlichen Theorie-Themen. „Erste Hilfe am Berg“ und „Packlisten für die verschiedensten Bergsteigervorhaben“ standen auf dem Plan. Auch dies wurde uns umfassend mit vielen praktischen Beispielen und in einer anschaulichen Weise beigebracht.

Bevor es in den Klettersteig ging, brachten wir erst mal wieder das Kletterheim auf Vordermann, also: Ausräumen, Putzen und restliches Essen an die Teilnehmer verteilen.

Den krönenden Abschluss bildete dann ein „Spaziergang“ durch den Klettersteig bei Konstein, hier begleitete uns zum Abschied auch noch herrlicher Sonnenschein.

Fazit: Für uns Teilnehmer war dieses Wochenende sehr lehrreich, das Gelernte ist für uns direkt umsetzbar und wichtig, um selbständig Bergtouren zu unternehmen. Einen herzlichen Dank an Matthias und Stefan für die angenehme Art und Weise, in der sie uns die Grundlagen in Theorie und Praxis beibrachten! 

 

Da kann der Bergsteiger sich sicher fühlen.
Auch das Lesen von Topos will gelernt sein.
Üben in sicherem Gelände: Knotenkunde auf der Hüttenterrasse
Andrea hochkonzentriert beim Abseilen vom Standplatz.
Alles sicher bewacht von Matthias.
Passt er oder passt er nicht? Friedrich übt das Keilelegen.
Genaues Zielen ist gefragt beim Peilen mit Kompass.
Höhenlinien, Äquidistanzen, Geländeformen … sind nach der Kartenkunde kein Buch mit sieben Siegeln mehr!
Den Grillabend mit Weidenbacher Köstlichkeiten haben sich alle redlich verdient!
Sonntagsspaziergang im Oberlandsteig
Die angehenden selbständigen Bergsteiger: Hermann, Friedrich, Friedrich, Andrea, Sylvia und Michael